Ho Chi Minh Conservatory » Hege Gustava Tjønn
11/07/2013

Ho Chi Minh Conservatory

Saigon ist wundervoll.

Die Luft ist reich an Duft, vor Luftfeuchtigkeit ganz dicht, fast fassbar. Hier trocknet die Stimme nie aus! Es ist warm, aber die Wärme ist mild, breit, sanft, sie sticht nicht. Alle möglichen und unmöglichen Häuser stehen in geordnetem Chaos rund um reinsten Palästen und enormen Wolkenkratzer herum, Airconditionanlagen hängen draußen an den Wänden, völlig willkürlich angeordnet, die Kleidung dazwischen in eigens gegen Vögel vernetzten Lüftungsnischen. Es gibt Gässchen, die kaum zwei Meter breit sind und riesige Prunkstrassen; Kreisverkehre mit Fontänen und Palmen und Marmor genauso wie völlig verdreckte Straßenränder. Jede Straße hat, ungeachtet Größe, mindestens vier, oftmals zwölf Felder, denn es fahren einfach so viele neben und gegen und umeinander, wie gerade nötig. Die Menschen sind uneingeschränkt freundlich, bemüht, liebenswert. Und genauso gehen sie mit einander im Straßenverkehr um. Wie Fische strömen die Motorroller und Autos und Busse in beiden Richtungen in die Kreuzungen hinein; man schaut und findet einen Weg durch, die Fußgänger quer, nur selten muss jemand ganz anhalten, sie weben sich umeinander in ruhigem Einverständnis. Beeindruckend.

Unsere Studenten sind auch beeindruckend.

Wir fordern sie ganz schön heraus, meine Kollegin Siri Torjesen und ich. In ihrer Sprache haben sie viele Laute mit nach Hinten gewölbter Zunge. Im Unterricht müssen sie sich daran gewöhnen, die Zungenspitze immer wieder vorne an den unteren Zähnen zu spüren, oftmals auch die ganze Zunge rausstrecken, was ihnen eigentlich schwerfällt, denn sie sind so höflich, aber was sie dann doch machen, denn sie sind sehr gehorsam und sehr, sehr tapfer. Ich selber fand es übrigens damals auch nicht einfach, meiner verehrten Professorin Tesaker die Zunge zu zeigen! Nun, da müssen Sänger durch, als Studenten und als Lehrer :-)

Außerdem haben sie ein interessantes Verhältnis zu Sprachen. Viele können ganz gut Englisch und das ist gut, denn so verstehen sie was wir sagen, nur kommt häufig vor, daß sie beim Reden einige Konsonanten verlieren. Ice Cream wird zum Ai Kri, zum Beispiel. Und das kommt leider auch ständig in der italienischen Arie, in der französischen Chanson, dem deutschen Lied usw. vor. So schwierig, wie es für den westlichen Student ist, schön legato seine Vokale durch schnellen aber deutlichen Konsonanten zu führen (er würde zum Beispiel gerne die Endsilbn im Deutschn gerne ohne Vokal aussingn), so schwer fällt es dem vietnamesischen Student, alle Konsonanten mitzusingen. Da hilft nichts, das Deklamieren muss sein. Langsam, übertrieben, von Silbe zu Silbe fließend durch. Geduld. Gut zu sich sein, auch dann, wenn es nicht sofort gelingt! Und wenn es zu den Koloraturen kommt, gilt eigentlich dasselbe: Herausfinden, was man sagen will, wo die Ecken und Kanten sind, wo man Schwung herholt und wo es perlt. Jeder Wendung eine Farbe geben, einen Sinn – eine Sprache eben. Gesang ist Kommunikation.

Dann müssen sie es erlauben, daß ich sie anfasse. sie sind so dünn! Aber gesund dünn, sie essen halt kaum Fettiges; viel gedünstetes und viel Gemüse. Ihre schlanken Körper sind aber auch sehr häufig sehr straff bis bretterhart und beim Singen so gut wie unbeteiligt. Da bekommt die Stimme nicht viel Stütze, kaum Säule, schwingt nicht frei. Mit wenigen griffen aber wird gezeigt und demonstriert, ausprobiert und auf einmal leuchten schöne, große Töne im Raum, und die Augen leuchten mit. Im Aula wird mitgefilmt und fleißig mitprobiert; gelegentlich muss daran erinnert werden, Ruhe zu halten, damit die Studentin die gerade oben steht, sich konzentrieren kann. Jede/r kommt mal an die Reihe, bis die Pianisten nicht mehr können und die Aula zugesperrt werden muss für den Abend.

Neben dem Sprachbewusstseinstraining muss oft auch ein Bewußtsein für die Musik hervorgekitzelt werden. Wie viele ihrer Kollegen im Westen vergessen diese Studenten auch manchmal die Musik zwischen ihren eigenen Tönen. Zuerst müssen sie sich im Rhytmus bewegen, gehen, hüpfen, wiegen, was auch immer zur Musik passt, dann dürfen sie anfangen, selber zu singen. Lauschen, die Musik durch Ohren, Augen aufnehmen; die Musik einatmen und in dem ganzen Körper spüren, Raum für den Ton im Mund und Rachen machen, sanft unterstützen – endlich singen. Und nach der eigenen Linie aufmerksam zuhören, mit dem Klavier mitsingen, mitgehen, damit der nächste Einsatz organisch kommen kann und nicht irgendwie, irgendwann. Die Pianisten dürfen nicht “helfen” und nachspringen, sondern müssen ihren Schützlingen ihre Fehler machen lassen, damit sie es auch wirklich verstehen – und strahlen dabei, denn ihre Musik wird bewusst gehört, ein gemeinsames Musizieren kann stattfinden, sie sind keine musikalischen Motorroller! Später dann kann man anfangen, genüsslich auf die Musik zu lauschen, die während der eigenen gesungenen Linie gespielt wird. Kammermusik! Glück!

Und dann zum Theater. Natürlich wissen einige Studenten nicht, was sie da eigentlich singen. Ja, singe doch mal etwas in Vietnamesisch, behalte die fremdartige Melodie, schaffe es, die Silben richtig herum zu merken und gestalte es noch dazu! Da muss man wieder Geduld und viel Arbeitsfreude generieren. Aber das ist ja so herrlich, diese Studenten wollen es so sehr! Und ihre LehrerInnen filmen mit und sitzen genauso aufmerksam offengesichtig da und verfolgen alles und strahlen uns an – eine junge Frau Professorin sprang gestern nach den Studenten sogar als letzte Freiwillige auf die Bühne und sang Adelens “Unschuld vom Lande”! Bezaubernd, barfuß (die Chanelpumps lagen neben dem Flügel hingestreut) im chicen Kostüm sang sie im reizenden Gemisch aus Bescheidenheit und wundervollen Tönen ein wirklich fast perfekt einstudiertes Deutsch. Da ich immer für mein Leben gerne Adele  gesungen habe (bis ich in Rosalinde hineinwuchs), haben wir Zwei unsere helle Freude gehabt und herumgealbert und Adele eben so Facettenreich und Kontrastvoll und charmant gegeben wie möglich. Sehr mutig fand ich es von ihr, sich vor ihren Studenten so bearbeiten zu lassen. Und sehr offen fand ich, hat sie alles hingenommen und nach Möglichkeit und eben nach ihrer Art umgesetzt. Chapeau!

Es ist eine herrliche Woche.

Alles Liebe aus Saigon!


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